Moribundus

Von dem hervorragenden Chirurgen Ludwig Rehn (1849 bis 1930), der am Städtischen Krankenhaus wirkte, erzählte man sich folgende hübsche Geschichte:

 

Eines Tages stieg der Professor in die überfülle Trambahn. Sofort stand ein Mann auf, dem Anschein nach ein Handwerker, und sagte höflich: ‚Herr Professor. darf ich Ihne mein Platz anbiete?“ Der Arzt, geschmeichelt ob seiner Volkstümlichkeit fragte: “Wie? Sie kennen mich?” – “Un ob ich Sie kenn‘!”. rief der Handwerker so laut aus, dass der ganze Wagen aufmerksam wurde und gespannt zuhörte. “Sie hawwe mer doch das Lewe gerett.”

Leutselig entgegnete der Professor: „Lieber Mann, ich sehe natürlich täglich so viele Kranke, dass ich mich beim besten Willen nicht mehr auf Sie besinnen kann. Sie müssen meinem Gedächtnis aufhelfen und mir die Sache schon näher erklären.” „Ja, gern, Herr Professor. Ich lag krank in Ihne Ihrer Klinik. Alle Ärzte hatte mich uffgegewe. Da sinn Sie ereigekomme in den Saal mit mächtig viel junge Ärzte. Sie hawwe mich aagesehn unn nur e aanzig Wort gesacht . . . unn von dem Dag aan bin ich besser und schließlich gesund wor’n‚“

„Hm, hm“, machte Rehm, „und haben Sie vielleicht dieses Wort behalten? Wie hieß es denn?‘

Atemlos hörten alle Leute in der Trambahn zu, alle wollten natürlich das Zauberwort hören.

Da sagte der biedere Handwerker: „Ja, freilich, Herr Professor, so e goldig Wort vergisst mer ja in sei’m Lewe net mehr. Sie hawwe gesacht: ‘moribundus’ (Der Kranke ist dem Tod geweiht).”

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